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Wer immer hier an diesem Drehbuch schrieb…

5 November 2011 Eingestellt von: Stephi 226 klicks Keine Kommentare

CD-Rezension St. Zion „willkommen apokalypse“

st-zion-2… ersann als Schluss kein Happy End.“ So  heißt die erste Zeile aus dem vierten Lied der CD „willkommen apokalypse“ der Stuttgarter Band St. Zion. Auch wenn das genannte Drehbuch kein Happy-End hat, haben es doch größtenteils die Songs von St. Zion. Zwar keine wirklich direkten Happy-Ends, aber sie zeigen mit ihren Texten Richtungen auf, die zum „Happy-End“ – sei es für einzelne Menschen oder wie beim letzten Song und CD-Namens-Geber „willkommen apokalypse“ für die ganze Menschheit – führen können. Man muss nur etwas zwischen den Zeilen lesen.

Der Bandname „St. Zion“, der CD-Name „willkommen apokalypse“, die dunkle Aufmachung des CD-Covers geben allerdings erst mal kaum Hinweise auf inhaltliche Tiefe. Der erste Gedanke, wenn man die CD der Band in der Hand hält, ist dann auch folglich: aha, Metal… Oder so was. Mit Metal liegt man dann wohl auch richtig, allerdings handelt es sich nicht um den „klassischen“ Metal, sondern um eine neuere Form: deutschsprachiger Alternativ/Nu Metal. Die meisten Menschen denken dann wohl auch an hasserfüllte Musik, wenn sie an Metal denken… Höchstwahrscheinlich aus Unwissenheit. Metal gehört schließlich nicht gerade zur Mainstream-Musik. Deswegen an dieser Stelle: St. Zion sind eine der Bands, die zeigen, dass man trotz düsterer Melodien gute Texte haben kann. Klar bleibt der Stil immer noch Geschmackssache. Dennoch ist Offenheit für diese Texte immer eine gute Sache.

Mit dem ersten Song „lauter“ geht es auch gleich in die Vollen: Es geht um Verzweiflung. Verzweiflung, die einen Menschen so gefangen nimmt, dass alle Perspektiven aus der Sicht verschwinden. Und dann hilft nur noch: die Verzweiflung herausschreien. Und wieder sehen, was doch so alles geht. Guter (vor allem Gitarren-), aber sehr düsterer Sound – was kaum anders zu erwarten war und sich bei den folgenden Liedern dann auch fortsetzt. Das „Schrei lauter“ hat eine gewisse (im positiven Sinne) Dramatik – das im Background gesungene „Schrei, schrei“ nervt allerdings eher. Vielleicht wäre mehrstimmiges Schreien hier ganz gut gewesen.

Das zweite Lied geht dann auch inhaltlich in eine ähnliche Richtung. „Asche zu Asche“ handelt davon, dass man am Ende von allem doch nichts mehr hat… (Ob nun materiell oder persönlich sei erst mal dahin gestellt). Man hat nichts mehr in der Hand. Leere. Und die Leere raubt einem dann auch noch den Verstand. Wie kam’s? Lügen? Folglich viel Menschliches verloren? Zu viel an Reichtümern gehäuft? Man nimmt ja nichts mit ins Grab… * Am Ende wird alles zu Asche… Stellt sich die Frage, was uns ausmacht – was nicht zu Asche wird und verweht. „(…), dass all das, was du bist, ganz einfach wie Staub verweht.“ Musikalisch hat’s merklich noch ein paar mehr elektronische Einflüsse als das erste Lied. Geht auch im positiven Sinne mehr ins Ohr – beim ersten Lied hatte man manchmal noch das „Schrei, schrei“ danach im Kopf, das dann doch hin und wieder etwas nervig war.

Schön rockig kommt dann auch das dritte Lied daher. Der Gesang von Sänger Rudolf Hampel passt leider von der Tonlage her anfangs nicht ganz – seine Stimme passt doch eher zum sonst gutturalen Gesang des Metal-Bereichs – leicht kratzig eignet sie sich dann folglich super für das „brich aus“ im Refrain. Inhaltlich geht es um die großen Systeme, in denen man so drin steckt – sei es in der Unterhaltung, dem Kommerz, der Geldmacherei oder Nachrichten, die wohl eher zur Unterhaltung als zur Information dienen. st-zion-3

Stilistisch schön in die Anfangsmelodie hineingesprochen wird der erste Teil dieses Liedes – „kalt“: „Wer immer hier an diesem Drehbuch schrieb, ersann als Schluss kein Happy End. Kein Stück vom Traum, das für mich übrig blieb. Kein Funken Hoffnung, der noch brennt.“ Sehnsucht macht sich breit… „Wo bleibt das Feuer, das diese Kälte nimmt. Wo bleibt die Hand, die das Herz wärmt. Und wegnimmt, was nicht mehr stimmt.“ Und wo bleibt das Happy End? Ein Weg wird sichtbar bei der Suche: „Und wenn du, Gott, jetzt mein Schrein hörst, der alles lenkt, bist du’s der aus diesem Grab führt. Der Leben schenkt.“ Diese Sehnsucht wird auch nochmal im Sound dieses Liedes deutlich. Eher gediegenere Melodien. Es wird insgesamt ruhiger und langsamer.

„Links, zwo, drei, vier…“ – „Rechts, zwo, drei, vier“ hätte wahrscheinlich sogar noch besser gepasst – damit hätten wir nämlich schon mal die politische Richtung gehabt, in der es in dem Lied „asphalt“ geht. Es geht um (Rechts-)Extremismus.  Zumindest lässt die Erwähnung von den Springerstiefeln darauf schließen, die man meistens ja eher mit „Rechts“ in Verbindung bringt. Wobei sich da die Grenzen inzwischen auch immer mehr vermischen und jemand, der Springerstiefel trägt, ja auch nicht gleich ein Nazi ist… Schön formulierte Zeilen wie „Du streckst die Hand aus, doch der sie jetzt ergreift – er meint nicht dich, er meint die Macht.“ Auch wenn laut der Ideologie die Gesamtheit vor der des Einzelnen kommt – letztendlich sind es doch einzelne Machtmenschen, die sich da profilieren möchten. „Geschichte looped sich irgendwie“ (looped = wiederholt sich). Wäre schön, wenn man immer aus vergangen Fehlern lernen würde. Musikalisch gesehen auch sehr dramatisch und aufwühlend aufgebaut. Gesungen wird der Text hier nicht so sehr wie in den Liedern davor – eher gesprochen-, außer im Refrain, bei dem dann auch der Text hängen bleibt „Links, zwo, drei, vier. Nicht mehr mit mir, nicht mehr mit mir.“

st-zion-1Mit dem Titelsong der CD „willkommen apokalypse“ schließt sich dann auch der Bogen und man erreicht langsam das Ende der CD. Logisch angeordnet ist das Ende auf jeden Fall – denn es geht um die Endzeit… Interessantes, aber sehr schwieriges Thema. Beim Mittelstück des Liedes reißt „St. Zion“ das Thema an, wie es wohl beginnt…: „nichts ist uns noch heilig, kein Leid, das uns noch rührt. Und keine Toleranz für den, der noch was spürt. Das Nichts, das wir erreichen in unserer Arroganz. Die Schönen und die Reichen. Moderner Totentanz.“ Interessante Textpassage. Reflektieren ist hier gefragt… Auch was einen persönlich angeht. Schwebt man nicht manchmal doch zu sehr im eigenen Kosmos? Auf jeden Fall auch ein sehr dramatisches Lied, dass gewisse Tendenzen aufweist – und klar auch nach persönlicher Reflexion fragt. Trotzdem natürlich ein sehr schwieriges Thema – wer weiß, was und wann es passieren wird?  „Stille. Dann nichts.“ So endet auch passend im Kontext des Endes der CD das Lied.

Um es noch einmal kurz zusammen zu fassen: Gute produzierte CD mit sehr interessanten Texten. Musikalisch eher düster und somit eher etwas für Metalfans oder die der etwas härteren Musikrichtungen.

Randdaten:
Band: St. Zion (aus Stuttgart)
Album: willkommen apokalypse
Erscheinung: Frühjahr 2011
Bandmitglieder:
Rudolf Hampel – Gesang
Volker Zeeb – Gitarre
Kornelije Casni – Bass
J.-C. Maurer – Schlagzeug
Booking: Jens-Christoph Maurer, st.zion@yahoo.de
* »Sammelt euch keine Reichtümer hier auf der Erde, wo Motten und Rost sie zerfressen und wo Diebe einbrechen und sie stehlen. Sammelt euch stattdessen Reichtümer im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie zerfressen und wo auch keine Diebe einbrechen und sie stehlen. Denn wo dein Reichtum ist, da wird auch dein Herz sein.« (die Bibel, Matthäus 6, 19-21)

Text: Stephanie Klumpp
Website: facebook.com/sanktzion

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