Interview mit Max Rieger von »purpurrot«
14 Mai 2010 Eingestellt von: Gerhard 290 klicks Keine Kommentare
Hallo Max,
bevor wir auf Dein Solo-Projekt »purpurrot« eingehen, erzähl uns doch bitte kurz, um welche Besetzungen und Musikstile es sich bei Deinen anderen Bands und Formationen so handelt:
»Nachtschwærmer«: Hier spiele ich Gitarre, Synthesizer & schreibe die Texte. Wir sind zu viert, Schlagzeuger, Bassist, Gitarrist und Sänger – typische Rockformation, allerdings mit komplett anderen Ansätzen. Wir suchen die Extreme, zwischen ohrenbetäubendem Lärm und effektüberladenem Dreampop-Shoegaze. Die Waage zwischen dem Berliner Punk der 80er Jahre und irgendwelchen härteren Gangarten. Website: www.myspace.com/zierfische
»Die Nerven«: Ein Nebenprojekt – eine totale Schnapsidee – von Julian Knoth (Ach was!) und mir. Ziel: Musik machen, die keiner hören will. Was uns hervorragend gelingt. Vor wenigen Tagen haben wir uns am Hip Hop versucht. Wir scheiterten sagenhaft, aber wenigstens nervt es ordentlich. Website: www.myspace.com/deinemamanervt
»Ego Trip«: Ein recht junges Projekt mit Max, dem Schlagzeuger von Nachtschwærmer und einem weiteren Bassisten. Anlass war einfach der Wunsch, selber zum Mikrofon zu greifen und Texte zu schreien und zu verkünden, die weitaus aggressiver und direkter sind als bei meinen anderen Projekten oder Bands. Bisher gibt es allerdings nur zwei richtige fertige Lieder, wir kommen kaum dazu, daran weiterzuarbeiten. Eines davon spielen wir jetzt allerdings mit Nachtschwærmer live. Website: www.myspace.com/krachkunst
Wie bist Du auf die Idee gekommen, neben all diesen Musik-Sachen noch was Solistisches auf die Beine zu stellen?
Die Idee ist alles andere als neu. Vor über einem Jahr habe ich schon einmal ein Soloalbum „aufgenommen“, unter dem Namen „Die Isolation“. Es waren 30 Minuten Musik, größtenteils vom Computer, mit Texten – meist eilig hin gekritzelt und eingesungen. Dies alles geschah unter dem musikalischen Einfluss von Bands wie Joy Division oder The Black Angels. Eines dieser Lieder haben wir heute im Nachtschwærmer-Repertoire (tausendfach überarbeitet) immer noch: „Sternenmädchen“.
Später entstand dann ein Album, das ich bis vor kurzem komplett vergessen hatte. Es heißt „Der Anfang vom Ende“ und war schon ein Instrumentalalbum – allerdings elektronischer Natur. Über 60 Minuten war das Ding lang und zog sich auch ordentlich. Pfiffige Musik sieht anders aus.
Als ich dann vor ziemlich genau einem Jahr keine Band mehr hatte (meine erste „richtige“ Band »Sperrgebiet« hatte sich aufgelöst (wegen mir…)), begann ich, mit meinem Headset-Mikrofon und der kostenlosen Musiksoftware „Audacity“ Instrumentalstücke mit der Akustikgitarre und anderen Instrumenten aufzunehmen. Dies ist eigentlich die Geburtsstunde von „Purpurrot“. Es entstanden genau drei Lieder, alle mit französischen Titeln. Die beiden ersten sind auf dem Album gelandet. Wahrscheinlich ist es fast niemandem aufgefallen, wie sehr sich diese beiden Stücke von Liedern wie „Le Savant“ oder „Von gescheiterten Existenzen und Filterzigaretten“ unterscheiden.
Die Grundidee zur Erschaffung eines kompletten Albums kam mir (ich erinnere mich genau), als ich mir das Soloalbum von Pete Doherty anhörte (Grace/Wastelands). Bei „Broken Lovesong“ machte es Klick! Ich holte mein Mikrofon, meinen Laptop, setzte mich vors Klavier und begann zu spielen. Eine Stunde später war „Theodizee“ fertig. Alle Lieder sind übrigens chronologisch nach ihrer Entstehungszeit geordnet. Mal abgesehen von den zwei alten Werken und dem versteckten Lied.
Aber ich will ehrlich sein. „Von unvergesslicher Schönheit und uneingeschränktem Raum“ war auch ein Selbstbeweis. Ich wollte mir selber beweisen, dass ich auch Musik schaffen kann, die der breiten Masse gefallen könnte.
Was hat Dich auf den Album-Titel »Von unvergesslicher Schönheit und uneingeschränktem Raum« gebracht?
Das ist eigentlich ziemlich banal. Ich blätterte in einem Buch herum, das mir erzählen wollte, welche Orte ich vor meinem Tod noch zu besuchen habe. Mein Blick fiel auf einen Ort namens „Skelettwüste“ in Namibia. Die Unterschrift lautete „Unvergessliche Schönheit und uneingeschränkter Raum“. Die Umstellung in „Von unvergesslicher Schönheit und uneingeschränktem Raum“ machte ich, weil mir der Gedanke gefällt, das Album würde etwas erzählen.
Wie sah dein Arbeitsablauf aus und wie bist du auf die Titelnamen gekommen?
Wann immer ich Zeit und Lust hatte, etwas aufzunehmen, habe ich es auch getan. Aber meistens hatte ich bestimmte Worte oder Sätze in meinem Kopf (z.B. „Gregor Samsa“ oder „Theodizee“). Diese benutzte ich dann als Inspiration, um die Melodien zu erfinden (für „Ich ertränkte sie im Bach vor unserem Haus“ bin ich wirklich mit meinem Mikrofon zum Bach vor unserem Haus gegangen und habe das Plätschern aufgenommen). Aufgeschrieben habe ich nie etwas. Ich habe bei den Aufnahmen auch nie Pausen eingelegt. Ich habe ein Lied angefangen und es komplett aufgenommen, nachträglich habe ich nur noch gemastert und einzelne Spuren nach links oder rechts verlegt. Ich hatte eigentlich nie eine Ahnung, was am Schluss bei den Stücken herauskommen würde, ich habe immer solange weitergearbeitet, bis ich es für fertig hielt oder bis ich in einer Sackgasse war. Vier oder fünf Lieder sind in einer solchen gelandet. Die wurden dann auch schön aussortiert und sind nicht auf dem Album, weil ich auch selber nicht von ihnen überzeugt war. Ganz am Schluss, nachdem die Lieder fertig gemastert waren, hörte ich sie mir an und entschied dann, was sie für einen Namen bekommen. Das dauerte manchmal sogar länger als der Aufnahmeprozess selber.
Hast Du alle Instrumente (Gitarren, Klavier, Mundharmonika) selbst eingespielt?
Ja. Wichtiger Aspekt ist auch, dass sämtliche Instrumente „echt“ sind, das heißt, sie werden nicht simuliert, kommen vom Computer oder ähnliches. Die Instrumente sind einfach real.
Welche Gitarren hast du verwendet und mit welcher Ausrüstung hast du gearbeitet?
Fangen wir mal an. Wichtigster Bestandteil war sicherlich eine Westerngitarre von Yamaha. Dazu kam eine Konzertgitarre von meinem Bruder. Irgendwas an ihr ist kaputt, aber sie funktioniert einigermaßen. An E-Gitarren verwendete ich eine ES und zwei verschiedene Stratocaster. Das Ganze lief durch einen kleinen Fender Frontman Amp, davor ein Boss SD-1 (Overdrive), ein EHX Big Muff (Distortion), das DE-1 Delay von Danelectro, das DigiTech RP50 (Multieffektpedal, hauptsächlich für Chorus- und Tremolo-Sounds) und ein Reverb-Pedal von Behringer. Für die Aufnahme benutzte ich das Zoom H2 Portable Microphone (als USB-Interface).
Kannst Du uns etwas mehr über die türkische »Saz« erzählen?
Ich war in den Osterferien für eine Woche in Istanbul. Dort habe ich mir ein solches Gerät zugelegt, weil ich totaler Instrumentenfreak bin. Ich kann das meistens überhaupt nicht spielen, was ich mir da so anschaffe (hört man ja in Skarabäus, ich hab‘s nicht drauf), aber es macht mir Spaß.
Wird Dein Solo-Projekt eine Fortsetzung finden?
Oh ja, ich hoffe doch. Ich setze mir keine zeitlichen Richtlinien, ich mache es, wann ich gerade inspiriert bin oder eben schlichtweg Lust dazu habe. Aber es könnte gut sein, dass ich in den Pfingstferien schon mit dem zweiten Teil beginne. Vielleicht auch nur teilweise instrumental dann, aber bisher habe ich noch kein Konzept.
Hast du aufgrund der Rezension auf „Musik für uns“ schon irgendwelche Rückmeldungen bekommen?
Hmm, so schnell ging das nicht. Nur eine gewisse Petra lobte das Album. Ich kenne sie nicht, aber es freut mich, dass es ihr gefallen hat. Aber da ich das Album auch über Facebook und ähnliches weiterverbreitet habe, kam dadurch schon ein wenig Feedback an.
Was möchtest Du unseren Lesern noch gerne sagen?
Hört euch mein Instrumentalalbum an. Ich mache viel lautes Zeug, mit Nachtschwærmer, mit den Nerven und mit Ego Trip erst recht. Aber das hier ist was ganz Anderes. Versprochen.
Vielen Dank für alle Auskünfte!
Alright, wir sehen uns bei der Fortsetzung. Allerspätestens.
Die Fragen stellte: Gerhard/Musik Für Uns
Thumbnail/Fotos: myspace.com/dieisolation





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