Backstage Blogreihe: Die Wichtigkeit von Scheiß-Gigs
16 September 2010 Eingestellt von: Jonas 534 klicks 2 Kommentare
Die Wichtigkeit von Scheiß-Gigs
Nur damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Ich bin kein Musikindustrie-Veteran, der Frontmann einer überaus erfolgreichen Band oder ein vormaliger A&R-Manager der Sony EMI Brothers oder irgendetwas ähnlich groß Klingendes. Ich bin Musiker – der so, wie Millionen andere, daran arbeitet, es mit der Musik wo hin zu schaffen. Der Grund, warum ich das hier schreibe ist also nicht, dass ich überschwängliche Weisheit oder die Geheimzutat für Ruhm und Reichtum besitze – nein, ich lebe und lerne und möchte davon etwas weitergeben, weil ich selbst Geschichten und Erfahrungen von denen am inspirierensten finde, die in einer ähnlichen Position sind wie ich selbst.
Also gut, ich toure mit meiner Band nun bereits zweieinhalb Jahre durch die Weltgeschichte und wir waren bereits ein paar Mal in den USA, spielen viel in Deutschland und besuchen auch Großbritannien, Bosnien und Kroatien, wobei Konzerte in unserer Heimat in Österreich natürlich auch nicht fehlen dürfen. Wir haben schon viele Shows gespielt und einige davon waren – ich ringe nach passenden Worten – ein Scheiß! Trotzallem waren manche dieser wirklich fürchterlichen Gigs unglaublich zentral für unsere Entwicklung. Warum? Hier ein paar Anekdoten:
Einmal spielten wir einen Gig in einem Venue in Chattanooga, Tennessee, das man in freundlichen Worten nur als Loch in der Wand beschreiben kann. Es wurde uns kommuniziert, dass wir um acht Uhr abends für Aufbau und Soundcheck da sein sollten. Unseren Rider (Technische Anforderungen, die der Veranstalter zu erfüllen hat) hatten wir vorausgeschickt und uns wurde versichert, dass man sich um alles gekümmert hätte. Als wir ankamen fanden wir… nichts vor. Ein Raum – falls man das überhaupt so nennen kann und damit nicht alle wirklichen Räume dieser Welt beleidigt – in dem nichts drin war. Niemand, der sich für uns zuständig fühlte, keiner, der wusste, was zu tun war und die beiden anderen Bands, mit denen wir die Bühne hätten teilen sollen, waren auch weit und breit nicht zu sehen. Um es kurz zu machen: Am Ende spielten wir für eine handvoll Leute auf sehr fragwürdigem Equipment, das einige Stunden zu spät ankam. Wir hatten uns vor dem Konzert eigentlich schon entschieden zu fahren, weil man sich um nichts gekümmert hatte und wir keinen realistischen Weg sahen, diesen Gig ohne ein Schlagzeug, einen Bassverstärker oder eine PA Anlage zu spielen. Doch wir blieben und spielten trotz aller Widrigkeiten und lernten ein paar umwerfende Leute kennen, die total begeistert von unserer Show waren, weil wir alles gegeben haben und uns von der Tatsache, dass die Bühne scheiße aussah und das Publikum aus zehn Leuten bestand, nicht beirrend hatten lassen. Eine Mädl der Gruppe ist eine Künstlerin, die mittlerweile zu einer ganzen Reihe von Shows gekommen ist, auch wenn sie dafür manchmal einige Stunden Autofahrt auf sich nehmen musste, um uns spielen zu sehen. Sie hat für jeden von uns ein individuelles Paar Schuhe designed, das sie uns auf der darauffolgenden US-Tour überreicht hat. Seit diesem Abend in Chattanooga ist der Kontakt zwischen uns nie abgerissen und sie leitet jetzt sogar ein Street Team für uns und versucht Shows zu buchen und uns in jeder erdenklichen Art zu unterstützen.
Der Grund, warum wir damals doch blieben und die Show in dieser Höhle durchgezogen haben, bringt mich zu einer weiteren Geschichte. Wir blieben, weil zwei Mädls, die uns zuvor schon in Florence, South Carolina, gehört hatten, sieben Stunden mit dem Auto hier her gefahren waren, nur um uns spielen zu sehen. Damals in Florence tauchten wir zu einem weiteren dieser Gigs auf, bei denen man ankommt und das Gefühl hat, dass nichts so funktioniert, wie es geplant war. Es war eine riesige Location – genauer gesagt eine große Bar mit einer Bühne. Es hätten wahrscheinlich 600 Leute hineingepasst. Wir sollten dort für eine Coverband eröffnen, die so freundlich war, uns vor sich spielen zu lassen. Damals waren wir noch sehr unerfahren und hatten nicht bedacht, dass ein Publikum, das kommt, um sich eine Coverband anzuhören, wahrscheinlich nicht in der Stimmung für eigene Songs einer Indie-Rock Band ist. Nichts desto trotz gingen wir auf die Bühne und zogen unser Ding durch. Die meisten der paar Anwesenden waren wirklich nicht in der richtigen Stimmung für unserer Musik, aber ein einige schienen unsere Performance wirklich zu mögen. Sie waren ebenfalls von der Leidenschaft, mit der wir auf der Bühne alles gaben, obwohl die Umgebung und die Atmosphäre uns runterziehen hätten können, sehr berührt. Besonders diese beiden Mädls konnten wir für uns erobern und sie sind uns seither immer wieder quer durchs ganze Land gefolgt. Wann immer wir in den USA sind, machen sie sich auf die Reise, um uns spielen zu sehen. Das ist genau das, worum es bei einer Band geht! Bekannte Gesichter zu sehen und festzustellen, dass sie stundenlang gefahren sind, nur um deine Musik zu hören, erleichtert auch Scheiß-Gigs spielen.
Als wir begannen nach Deutschland zu fahren, haben wir uns eines Abends in einer sehr eigenartigen Umgebung wiedergefunden. Es war ein kleiner Keller mit einer grottenschlechter PA Box, zwei Mikrofonen und einem Schlagzeug. Der Keller war winzig, roch extrem feucht und sah auch nicht besonders hübsch aus. Er war für etwa 30 Leute ausgerichtet. Wir spielten dort mit einer Band, die wir bei einem der früheren Trips kennengelernt hatten und die uns eingeladen hatte, noch eine weitere Show mit ihr zu spielen. Wir haben wirklich gekämpft, um einen halbwegs vernünftigen Sound aus den alten Lautsprechern zu bekommen, stellten dann unser Set um, weil wir normalerweise drei Mikrofone brauchen und arrangierten ein paar Songs spontan um, sodass wir den Leuten nicht gleich einen Gehörsturz in der kleinen Location verursachen würden. Es fühlte sich alles sehr komisch und irgendwie… nicht gut an… und als wir in der Mitte des ersten Songs waren, dachte ich, dass wir ziemlich schlecht waren, so ganz ohne Monitor oder ähnlichem. Doch nach und nach kamen die Leute von der Bar oben hinunter in den Keller und füllten den Raum, sodass wir uns fühlen durften, als wären wir in einem vollen Club. Da die Atmosphäre so intim war, reagierte das Publikum sofort auf alles, was ich von der Bühne aus sagte, und sie liebten die Musik. Die Leute waren so direkt am Geschehen, dass sie unsre Schweißströme im Gesicht sehen konnten und erkannten, wie hart wir für jeden Applaus arbeiten mussten.
Als wir ein paar Monate später in derselben Location wieder spielten, war das Lokal so vollgestopft mit Menschen, dass sie sogar die Stiegen hinauf aufgereiht standen, dicht gedrängt an der Bar saßen und auch vor der Türe warteten. Ich kann mich nicht erinnern an einem anderen Abend mehr CDs verkauft oder so viele Anmeldungen für unseren Newsletter bekommen zu haben.
Ich habe noch viele Geschichten wie diese auf Lager, aber es gab auch genug Gigs, die am Ende wirklich nur schlecht waren. Natürlich sage ich nicht, dass man die Augen nach schlechten Gigs offen halten soll, aber ich möchte ermutigen, dass jeder Gig, den man bekommt, auch von Anfang bis Ende durchgezogen wird. Wir haben uns schon oft gewünscht, unsere Sachen wieder zu packen und ohne zu spielen wieder heim zu fahren. Getan haben wir es allerdings noch nie, weil es am Ende manchmal besser ausgehen kann, als man sich jemals vorgestellt hat. Oh, und noch ein letzter Tipp: Egal ob zwei Menschen in einem Raum sind oder zwei Hundert… gib auf der Bühne alles, was du hast. Die Leute wissen das wirklich zu schätzen und es zeigt, dass du liebst, was du tust. So haben wir es zumindest erlebt.
[stextbox id="alert" color="000000" ccolor="ffffff" bcolor="696969" bgcolor="ffffff" cbgcolor="ffffff" image="null"]Website: www.myspace.com/mygloriousmusic
Text: Samuel Fischer
Foto: myspace.com/mygloriousmusic[/stextbox]

Gut geschrieben und spricht mir aus dem Herzen. Ich bin auch der Meinung, dass es beschissene Gigs geben muss. Sonst erkennt man die wirklich guten nicht oder verlernt sie zu schätzen ;-) Nebenbei haben wir bei den Scheißgigs meistens sogar am meisten Spaß auf der Bühne. Auch wenn wir danach runter kommen und sagen es war scheiße. Die Tatsache, dass es jetzt eigentlich nicht schlimmer werden kann, ist auf der Bühne dann nur noch zum Lachen, man trinkt und holt die 10 Leute eben auf die Bühne zum Feiern :-)
ganz genau max. ausserdem kann man, wenn wenig leute da sind, auch durchaus mal was neues probieren. das machen wir immer wieder.
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