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Backstage Blogreihe: Deine Schwäche, deine Stärke

22 Januar 2011 Eingestellt von: Jonas 358 klicks Keine Kommentare

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Foto: Franziska Schneider

Ich bin Legastheniker. In der Familie meiner Mutter geht das schon weit zurück und auch wenn man es als geringfügiges Manko bezeichnen mag, kann es schon ziemlich mühselig sein. So wie ich es verstehe, kann Legasthenie eine ganze Reihe von individuellen Problemen für den Betroffenen verursachen.

In meiner Schulzeit wurden Lehrer manchmal wirklich ungeduldig mit mir, weil es mir schwerfiel zu buchstabieren oder mit Zahlen umzugehen. Ich fand es auch sehr schwer Dinge zu lernen, die hohe Konzentration erfordern, weil meine Gedanken immer mehr verschwammen, je mehr ich mich zu konzentrieren versuchte. Das Problem wurde sogar noch gravierender, als ich mit der Schule fertig war und begann, Jazzgitarre zu studieren. Im Jazz sind Nummern sehr wichtig – insbesondere, wenn man erst beginnt, das Ganze zu lernen. Bei Jazzgitarre geht es vor allem darum, sich Positionen, Skalen und Relationen von Noten zu Akkordstrukturen zu merken. Ich liebte diese Musik, aber es fiel mir schwer, das was ich im Kopf hatte mit dem zu verknüpfen, was ich tatsächlich auf der Gitarre spielte.

Als ich so vier oder fünf Jahre alt war, habe ich begonnen, Klavier zu spielen und meine Schwäche im Lernen von gedruckter Information resultierte darin, dass ich mich auf meine Ohren verließ. Während mein Hirn sich schwer tat, strukturierte Informationen zu verarbeiten, schien es alles Akustische verstärkt zu empfangen. Also begann ich, Lieder zu spielen, die ich im Radio gehört hatte, Titelsongs von TV-Serien oder wahllose Melodien, die mir in den Kopf kamen. Ich erkannte sehr schnell, dass ich eine besondere und einzigartige Gabe hatte. In der Musikschule brauchten die anderen Kinder Notenblätter, um Lieder spielen zu können, ich musste sie nur einmal gehört haben und konnte sie dann sogar in andere Tonlagen transponieren, wenn sie mir zu hoch oder zu tief zum Singen waren.

Es war eine tolle Begabung, die mich aber auch herausforderte. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich Hammer to fall von Queen zu spielen versuchte. Ihre Musik habe ich als Kind aufgesogen wie ein trockener Schwamm. Jedenfalls gab es da einen bestimmten Akkord in dem Song, den ich allein vom Hören nicht identifizieren konnte. Also stieg ich in die Straßenbahn und fuhr zu dem einzigen Musikgeschäft, das ich in der Nähe kannte, wo es auch Songbooks gab. Wie ein schulderfülltes, kleines Kind stand ich da und wartete, bis alle Verkäufer aus meiner Sichtweite waren und schaute dann schnell in das Songbook, um einen Blick auf diesen Akkord zu erhaschen. Ich prägte mir die vier Noten ein, eilte nach Hause und konnte sie dann auch auf dem Klavier nachspielen. Ich war völlig aus dem Häuschen, dass ich ein D mit einem A im Bass gelernt hatte!

Durch meine Schwäche mit dem traditionellen Lernen hat mein Hirn neue Wege gefunden, um Dinge zu erlenen. Wege, die anderen gar nicht zugänglich sind und meinen Lernprozess zu etwas Einzigartigem machen. Es wurde rasch offensichtlich, dass ich ein Geschenk hatte, an dem ich festhalten musste. Während meiner ganzen Schulzeit habe ich es immer wieder geschafft, besser als andere zu sein, weil ich alles, was ich hörte so gut behalten konnte. Ich habe nie wirklich aus Büchern oder meinen geschriebenen Hausaufgaben gelernt, sondern immer nur durchs Zuhören.

An der Uni, mit Jazzgitarre, war es dann dasselbe. Schnell wurde ich zum Klassenbesten, der anderen den Stoff erklärte und nicht, weil ich die Theorie tagelang studierte, sondern weil ich die Musik tatsächlich verstand. Andere schufen sich die abstraktesten Lernmethoden für Noten und Skalen, doch für mich stellte all das nur das auf Papier dar, was meine Ohren schon Jahre zuvor gelernt hatten.

Es gibt viele Musiker, die das Beste aus ihrer Schwäche machen – Stevie Wonder oder B.B. King zum Beispiel, der noch nicht einmal einfache Chords auf der Gitarre spielen kann, weil es ihm nie jemand beigebracht hat. Er lernte, indem er versuchte, andere Instrumente auf seiner Gitarre nachzumachen und entwickelte dadurch einen so einzigartigen Style, der fast jeden Gitarristen, der nach ihm kam, inspirierte.

Sobald du lernst, mit deiner Schwäche umzugehen und aufhörst, dich im Wissen – vielleicht sogar im Selbstmitleid – zu suhlen, dass du es in manchen Dingen schwerer hast als andere, wirst du lernen damit zu leben. Du wirst unkonventionelle Strategien und Wege entwickeln können, um dorthin zu gelangen, wo du hinmöchtest und deine Schwäche wird einfach zum Synonym für deine Stärke werden.

Text: Samuel Fischer

www.myglorious.com

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