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Backstage Blogreihe: Authentizität wird immer siegen

18 August 2010 Eingestellt von: Jonas 399 klicks Keine Kommentare

my-gloriousAuthentizität wird immer siegen.

Wer über Musik nachdenkt, hat leicht mal das Gefühl, dass alles Hörenswerte schon erfunden wurde. Es gibt so unglaublich viele Bands da draußen, und ein großer Teil davon klingt gleich oder zumindest wie etwas, was man schon hundert Mal zuvor gehört hat. Irgendwie austauschbar. Das funktioniert vielleicht für eine Partyband gut,  Leute die in Partystimmung sind, wollen vielleicht gern etwas  Altbekanntes hören, anstatt sich auf neue Sounds einzulassen, aber die meisten Musiker, die ich kenne, sind darauf nicht aus. Man wird halt meist nicht Musiker, um etwas millionenfach Verkauftes viel weniger erfolgreich nachzuahmen. Im Gegenteil, die meisten von uns wollen etwas Eigenes schaffen, etwas Berührendes und Sinnvolles.

Wie kann man solche Kunst schaffen?
Es geht darum, authentisch zu sein. Das klingt einfach und logisch, ist aber tatsächlich sehr schwer. Weil bestimmte Dinge in der Vergangenheit gut funktioniert haben, driftet man instinktiv leicht in deren Richtung. Wie viele Metal Bands gibt’s wohl, die immer dieselben Riffs, Breaks und Doublebass Partien spielen, die wir schon aus jedem Metallica Song tausendfach kennen? Das muss nichts Schlechtes sein, aber man müsste damit leben können, eine Metallica Cover Band zu sein, oder zumindest einen Metallica lastigen Sound zu haben. Leute werden sich das anhören und sagen “das ist klassischer Metal” und manche werden’s lieben, andere werden sich zu Tode langweilen.

Ich finde es oft schwer, ich selbst zu sein. Nicht nur beim Musik machen, sondern generell. Als Mensch tendiert man dazu, unnatürlich zu werden, sobald man das Gefühl bekommt, dass die eigene Wesensart bei anderen nicht gut ankommt. Das funktioniert vielleicht in der Arbeit oder im Bekanntenkreis, aber in der Musik kommt man damit nicht durch. Diese Dinge werden auf einer Bühne sehr offensichtlich. Im Rampenlicht wird sofort sichtbar, ob ich “ich selbst” bin oder mich verstelle. Wenn ich ein Elvis Imitator bin, funktioniert das Verstellen wiederum gut, aber wenn ich versuche, ein Stück von meiner Seele weiterzugeben, geht sich das gar nicht aus. Manche von uns versuchen auf der Bühne herumzuhampeln um so richtig cool auszusehen. Andere klammern sich an ihr Instrument, als wären sie damit verwachsen und versuchen um jeden Preis un-nervös dreinzuschauen.

Vor einiger Zeit hab ich mir einen Gig von einem Typen angeschaut, der sein Set mit folgendem Satz begonnen hat: “Ihr seid ein super Publikum, aber ich hab Scheiß Angst vor euch.” Ich fand’s super, genauer gesagt, alle fanden’s super. Warum? Weil er einfach “er selbst” war. Ehrlich und – naja, scheiß ängstlich. Seine Angst gleich beim Namen zu nennen schien ihm auch zu helfen, denn damit wusste er, dass wir wussten wie es ihm ging. Er musste nicht selbstsicher wirken und konnte sein Set auf seine ganz eigene Art beginnen. Er wurde mit jedem Song besser. Es war ein sehr persönliches Konzert, der Junge hat nicht viel performed, aber das musste er auch nicht. Seine Natürlichkeit half dem Publikum dabei, auf die Texte zu hören, denn das war das Medium, über das er mit uns connecten wollte, und das gelang ihm. Wenn ich wieder zu einem Konzert dieses Künstlers gehe, weiß ich genau was mich erwartet – eine intime Atmosphäre und tiefgehende, sinnvolle Musik. Das entspricht seinem Charakter, und wenn man ein authentisches Produkt hat, wird das Publikum damit was anfangen können.

Eine andere Begebenheit, an die ich mich noch sehr gut erinnere, war ein Konzert mit einer Metal Band in Amerika. Der Sänger hatte sich eine Woche vor dem Konzert das Bein gebrochen und hatte einen riesigen Gips. Somit konnte er beim Singen nicht stehen, springen oder sonst was, sondern musste sitzen. Ich hatte die Band nie zuvor gehört, aber er schien der Typ zu sein, der es sich auf der Bühne so richtig gibt… eine Bühnensau halt. Zumindest seine Bandkollegen waren genau das. Also saß besagter Sänger auf einem Sessel mitten auf der Bühne, und obwohl er sich kaum bewegen konnte, kam alles, was er tat, hundertprozentig beim Publikum an. Ich bin mir sicher, er hätte uns seine besten Moves gezeigt, hätte er können, aber das Hilfsmittel der Performance stand nicht zur Verfügung. Zwischen den Songs erzählte er über dies und das, über Schule und Streit mit den Eltern wegen irgendeiner Kleinigkeit. Er war einfach “er selbst” und als ich nach der Show mit ihm sprechen konnte, war er genau derselbe Typ wie on-stage.

Vor ein paar Monaten, als wir in Deutschland unterwegs waren, kreuzten sich unsere Wege mit einer experimentalen Rock Band. Sie waren nicht überragend, ich nehme an, sie haben mehr aus Spaß gespielt. Die Musik klang sehr unorganisiert und irgendwie schräg.  Ihr Gitarrist war unglaublich dünn und groß, seine Haare leicht angefettet und ziemlich zerzaust. Er sah so aus, als hätte er keine Kontrolle über seine Gliedmaßen, aber das war ihm ziemlich egal. Orgasmisch entleerte er seine Musik auf der Bühne und niemanden hätte es auch nur annähernd gestört, dass er dabei ziemlich debil aussah. Warum? Weil es offensichtlich einfach die Art war, wie er Musik erlebte und somit war’s cool. Ich kenne ja so einige Gitarristen, die glauben, sie müssten bei jedem Ton ein Gary Moore – ich muss kacken – Gesicht aufsetzen, und man sieht einfach, dass sie es faken. Also das Gesicht, nicht der Stuhldrang, der ist vielleicht tatsächlich vorhanden. Aber gespielt sieht so etwas immer lächerlich aus, und wie schon vorher erwähnt – im Rampenlicht gibt’s kein Faken.

Wir haben ja alle schon viele Bands gesehen und viel Musik gehört, aber die Musik, die wirklich bis zu mir durchdringt ist die, die den Menschen reflektiert, der sie macht. Somit kann man  zuversichtlich sein – wie immer DU bist, ist für dich die beste Art zu sein. Dein Ich ist dein größtes Kapital, denn es versichert dir, dass du die Musik so machst, wie’s kein anderer kann. Wenn du auf der Bühne eher ruhig bist, sei ruhig, wenn du herumhüpfst wie ein Afferl, mach das und wenn dein Spielen komische Gesichter produziert, dann passt das auch. Wenn es in dir ist, dann gehört es genau so auf die Bühne. Verfalle nicht dem Glauben, wer anderer sein zu müssen als du selbst. Die Künstler, die unsere Musikwelt gebaut haben, waren nicht cool weil sie sich wie andere aufgeführt haben, sondern weil sie talentiert darin waren, sie selbst zu sein. Also geh raus und sei du selbst, wie du noch nie zuvor “du selbst” warst.

[stextbox id="alert" color="000000" ccolor="ffffff" bcolor="696969" bgcolor="ffffff" cbgcolor="ffffff" image="null"]Website: www.myspace.com/mygloriousmusic
Text: Samuel Fischer
Foto: myspace.com/mygloriousmusic[/stextbox]

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