Home » Persönlich

Persönlich: Vorbereitungskurs für die Ewigkeit

24 Dezember 2009 Eingestellt von: Gerhard 301 klicks Ein Kommentar

Von Gerhard

USA Bilder 256 - 600Plötzlich stehe ich vor dem Haus. Ich weiß nicht, wie ich da hingekommen bin, aber ich bin einfach da. Das Gebäude erinnert mich an ein großes Gästehaus mit vielen Stockwerken und Hunderten von Zimmern. Es hat drei Teile: Den quaderförmigen linken Teil, der mit dem eher würfelförmigen Mittelteil verbunden ist, und den wiederum quaderförmigen rechten Teil, der sich ebenfalls nahtlos an den mittleren Gebäudeteil anschließt.

Eigenartig ist, dass ich, obwohl ich noch in guter Entfernung vor dem Gebäude stehe, es nicht nur von außen sehen, sondern auch direkt ins Innere blicken kann, obwohl es keine Fenster in diesem Bauwerk gibt. Und so sehe ich das eigenartige „Treppenhaus“ im Mittelteil, das diesem Namen nur halbwegs gerecht wird – denn in dem ganzen Trakt gibt es keine einzige Treppe! Es gibt jede Menge Stockwerke, Flure und Zimmer – aber keinerlei Stufen führen nach oben oder nach unten, kein Lift ist zu sehen, nicht mal ne Leiter ist vorhanden!

Im Mittelteil des Gebäudes bilden die vielen Flure nur nach hinten geschobene Balkone – aber auch hier gibt es keine Treppen, die hoch oder runter führen würden. Im obersten Stockwerk erkenne ich einen großen und breiten Schreibtisch mitten auf dem „Balkon“, hinter dem ein Mann sitzt und zu mir her schaut. Auch hier gibt es keine Fenster, nur eine Tür ist zu sehen – und zwar an der Wand links von dem Mann hinter dem Schreibtisch.

Dieser Mann ist auf Anhieb irgendwie Vertrauen erweckend. Anscheinend ist er dazu da, sich um die vielen Menschen im Haus zu kümmern, denn er blickt hierhin und dorthin, immer freundlich und liebevoll. Und dann sieht man ihn bald hier und bald da, wie er sich mit den Menschen – einzeln oder auch in kleinen Gruppen – in dem großen und weitläufigen Gebäude unterhält – und genauso unvermittelt sitzt er auch wieder oben hinter dem Schreibtisch an seinem Platz.

Mein Blick fällt – immer noch von außen – auf die vielen unterschiedlichen Menschen, die ich durch die Mauern hindurch im Gebäude sehen kann: Alte, junge, einzelne, ganze Gruppen oder teilweise auch Familien. Man hört Kinderlachen, gebückte Greise sind aber auch zu erkennen. Und erst jetzt fällt mir etwas Komisches auf: Alle diese Menschen im Haus tragen Bademäntel! Auch ich trage einen Bademantel, wozu und warum ist mir nicht klar. Und plötzlich befinde ich mich in einem Zimmer im Erdgeschoss des rechten Flügels. Ich weiß gar nicht, wie ich da hinein gekommen bin. Das ganze Gebäude hat weder Türen noch Fenster – ich bin einfach drin – und keiner kommt mehr heraus, so hat es wenigstens den Anschein.

Ich betrachte die andern Leute, die sich in meiner näheren Umgebung aufhalten – ja, auch hier kann ich durch Wände sehen. Immer wieder verschwinden einzelne oder Gruppen der andern – schwupp sind sie weg und kürzere oder längere Zeit später wieder da, manche erscheinen auch gar nicht mehr.

Was soll das Ganze denn?, frage ich mich – und mit der Zeit entwickeln sich in mir die unvermeidlichen Gedanken: Wie komme ich hierher? Was soll ich hier? Ich schaue auf den Mann hinter dem Schreibtisch, er nickt mir freundlich zu. Hat er meine Frage – meine Gedanken – verstanden?

Ich denke über mein bisheriges Leben nach. Ist es nicht immer so: Wenn Menschen irgendwo sind, wo sie eigentlich nicht sein wollen und auch nicht weg können, denken sie über ihr Leben nach? Mir fallen Begebenheiten in meiner Kindheit, Jugend oder im Berufsleben ein, die mir Mühe und Kummer gemacht haben, weil ich sie als negativ und belastend in Erinnerung habe. Schade, dass da vieles so schief gelaufen ist, denke ich. Schade dass man da nichts machen kann.

„Du kannst etwas tun“, sagt plötzlich eine freundliche Stimme neben mir. Der Mann, der eben noch hinter dem Schreibtisch im obersten Stockwerk gesessen hatte, ist plötzlich neben mir und nickt mir aufmunternd zu. Lächelt er sogar? Daran kann ich mich nicht mehr so genau erinnern.

Ich soll etwas tun können?, denke ich und bin nicht so sehr überzeugt. Wenn ein ganzes Menschenleben lang etwas war, wie es eben war und niemand etwas daran ändern konnte, wie sollte sich hier plötzlich etwas tun? Während ich so vor mich hin sinne und nachdenke, fällt mir eine Begebenheit aus meiner Jugendzeit ein, in der ich alles andere als glücklich gewesen war. Was kann ich denn da tun?, frage ich in Gedanken den freundliche Herrn, der mir jetzt wieder von Schreibtisch aus durch alle Wände und Stockwerke hindurch zunickt.

Mit dem Gedanken, was ich da „noch“ tun könnte, bin ich plötzlich mitten in dieser Situation, an die ich mich gerade erinnert habe. Weg ist der Bademantel, ich trage die Kleidung von damals, ich bin so alt wie damals, ich bin wie mit einer Zeitmaschine in der Vergangenheit – meiner ganz persönlichen Vergangenheit – gelandet.

Und plötzlich höre ich die Stimme des Mannes am Schreibtisch ganz deutlich in meinem Ohr: „Du kannst es ändern!“

Das kann ich kaum glauben. Ich bin doch wieder in dieser blöden, bedrückenden, hilflosen Situation, in der ich im ganzen Leben nie mehr sein wollte. Was soll ausgerechnet ich daran ändern können?

Und dann versuche ich es doch. Ich versuche, anders zu denken. Daraus ergeben sich mit der Zeit andere Worte, die ich zu den Menschen in meiner Situation um mich herum sage. Und plötzlich beginnt sich die Geschichte zu verändern – sie wandelt sich vor meinen Augen und geht ganz anders aus, als ich sie in Erinnerung habe. Irgendwie habe ich den Eindruck, alles sei nun gut. Irgendjemand hat die Wunden geheilt.

In dem Moment, in dem mir bewusst wird, dass die Geschichte – meine ganz persönliche Geschichte – nun umgeschrieben wurde, dass sie anders gelaufen ist und dass das tatsächlich möglich wurde, bin ich wieder in dem Haus mit den vielen Menschen in Bademänteln – und stecke selbst wieder in einem solchen.

Aber etwas ist total anders: Ich bin erleichtert, froh, glücklich. Das ist, wie wenn einem eine große Last von den Schultern genommen wird, wie wenn man ein überraschendes Geburtstagsgeschenk erhält, wie wenn etwas Neues, Abenteuerliches und Beglückendes auf einen zukommt. – Einfach das Gefühl: Es geht doch! Alles wird gut! Dieses tolle Gefühl hatte sich schon in dem Moment in mir ausgebreitet, als ich buchstäblich sehen konnte, wie sich eine ganz bestimmte Situation in meinem Leben zum Besten gewendet hatte. Ich bin einfach nur zutiefst glücklich – wie noch nie zuvor in meinem Leben.

Was mir erst später auffällt: Ich bin jetzt im großen Gebäude auch ein Stockwerk höher angekommen – und damit näher an dem Mann hinter dem Schreibtisch.

Durch dieses beglückende Erlebnis angestachelt, krame ich nun aktiv in meiner Vergangenheit und in meinen Erinnerungen und finde weitere Situationen, die irgendwie ungelöst oder negativ geblieben sind. Und beim Gedanken daran bin ich plötzlich in der zweiten Situation und hab ganz andere Möglichkeiten, zu reagieren – und auch hier lösen sich Konflikte, verschwinden Spannungen, werden unangenehme Erinnerungen gelöscht.

Nach ein paar Mal hin und her – raus aus dem Bademantel und rein in die Situationen des Lebens und zurück – und sich Wundern und Staunen über die grundlegenden Veränderungen bemerke ich plötzlich einen lieben Menschen im untersten Stockwerk, der eben erst angekommen sein muss. Von weit oben – nur noch wenige Stockwerke von dem Mann hinter dem Schreibtisch entfernt – sehe ich das verwunderte Gesicht, das ich zu Beginn auch gemacht hatte, dann kommt der Satz: Was soll das alles hier? Das Leben ist doch gelaufen, wie es gelaufen ist – da kann man doch gar nichts mehr dran ändern!

Mit einem Mal stehen wir nebeneinander – im Erdgeschoss – und ich schaue meinem Gegenüber ins Gesicht. „Doch – man kann!“, sage ich fröhlich. „Hier kann man alles ändern. Aber man muss es selbst wollen!“ Ungläubiges Staunen in den Augen des Anderen. Vielleicht war ich nicht überzeugend genug. Ich setze zum nächsten Satz an, aber auch das scheint nicht richtig anzukommen.

Ich überlege. Hatte ich mich das nicht am Anfang auch gefragt, was das alles hier solle? Welcher Sinn und Zweck steckt hinter allem, was hier an diesem ungewöhnlichen Ort, in diesem ungewöhnlichen Haus vor sich geht? Und dann kommt mir plötzlich der Gedanke: Ist das alles hier etwa die Vorstufe zur Ewigkeit? – Hier hat man als Mensch die Möglichkeit, Alternativen für die dunklen Punkte im eigenen Leben zu finden und zu durchleben. Man erfährt Befreiung, wenn man sich einer dieser Situationen noch einmal gestellt und die Variationsmöglichkeiten ausprobiert hat.

Und dann ist mir auch plötzlich die Sache mit den Bademänteln klar: Im Himmel, so sagt uns die Bibel, bekommen wir ganz neue Kleider, die unvergänglich sind. Natürlich auch einen neuen Körper, aber eben auch neue Kleider. In diesem großen Haus, einer Art Zwischenstufe zwischen dem alten Leben auf der Erde und dem neuen Leben in der Ewigkeit bei Gott, haben wir die „alten“ und vergänglichen Klamotten schon abgestreift, aber am Ziel, bei den neuen und unvergänglichen Kleidern, sind wir noch nicht angekommen. Also brauchen wir eben als Übergang diese Bademäntel, um nicht ganz nackt in der Gegend herum zu laufen…

Ich schaue in das Gesicht meines Gegenübers, das sehr betrübt aussieht. Ich sehe darin eine Menge von Fragen: Wenn das alles ist, was uns am Ende unseres Lebens erwartet, hat es sich dann überhaupt gelohnt, zu leben? Hat es sich gelohnt, nach den Geboten der Bibel zu handeln, nur, damit nachher alle in Bademänteln rumlaufen? Und muss ich wirklich noch mal in die ganzen Situationen gehen, die mir auf der Erde schon unsäglichen Kummer gemacht haben und unlösbar waren? Ich hatte gehofft, das alles wäre endlich mal vorbei!

„Das hier ist noch nicht alles“, erwidere ich und spüre die Freude wieder in mir, die das bisher Erlebte ausgelöst hatte. „Es ist nur eine Zwischenstation zwischen Erde und Himmel. Das Beste kommt noch! Alles wird gut! Wenn Du das doch nur einmal ausprobieren würdest! Nur ein einziges Mal – Du wärst so überwältigt wie ich und würdest nichts mehr fragen oder in Frage stellen, da bin ich mir ganz sicher!“ Ich weiß selbst nicht, woher ich so plötzlich die Gewissheit hatte, dass dieses ungewöhnliche Haus nicht die letzte Station in unserem Leben sei. Aber diese felsenfeste Gewissheit war auf einmal da – und ich versuchte, sie weiter zu geben.

In den Augen meines Gegenübers keimt Hoffnung auf. Ach, wenn du doch nur einen Blick an dem Mann am Schreibtisch vorbei werfen könntest!, denke ich. Da gibt es an der linken Wand hinter ihm eine Tür, hinter der eine Treppe nach oben beginnt. Da muss es sein – das Paradies!

In dem Moment, in dem ich an den Mann hinter dem Schreibtisch denke, steht er auch schon bei uns. Komisch, dass mir das erst jetzt bewusst wird, aber er ist der Einzige im ganzen Haus, der keinen Bademantel, sondern ganz normale Kleidung trägt. – Freundlich blickt er auf mein Gegenüber und streckt seine Hand nach ihm aus. Und dann muss ich gar nichts mehr machen. Nichts mehr sagen, nichts erklären, nichts bitten, nichts wünschen, keine Überzeugungsarbeit mehr leisten.

Im nächsten Moment stehen wir vor dem Schreibtisch im obersten Stockwerk, hinter dem der gütige Mann eben noch gesessen hatte. Und mir fällt auf, dass die Tür jetzt offen steht – sperrangelweit offen! Aber sie ist so angebracht, dass sie den Durchgang verdeckt. Man kann also nicht in den Raum oder Saal hinein sehen, der hinter der Tür liegen muss. Man kann auch nicht die Treppenstufen sehen, die nach oben führen, aber ich bin mir trotzdem ganz sicher, dass sie dort sind. Was mir noch auffällt, ist, dass aus dem Türrahmen hinter der offenen Tür ein heller Lichtschein heraus und bis ins Zimmer strahlt.

Der Mann, der sonst hinter dem Schreibtisch sitzt, fasst wieder die Hand meines Gegenübers und die beiden – nur die beiden – gehen um den großen und breiten Schreibtisch herum und auf die offene Tür zu. Beide schauen durch die offene Tür, gehen aber nicht hinein. Ich kann sehen, dass der helle Schein, der aus der Tür fällt, die Augen der Person, die hinter die Tür blicken darf, zum Leuchten bringt. Dann will der Bekannte den ersten Schritt durch die Tür machen, wird aber vom Hausherrn zurückgehalten. Sanft aber mit Nachdruck zieht er ihn von dem Durchgang weg.

„Du hast Recht gehabt. Es ist tatsächlich wahr“, sagt die mir bekannte Person, als sie an der Hand des Türhüters zurückkommt. „Es ist wirklich wahr! – Alles wird gut!“ Natürlich möchte ich auch einen Blick dorthin – ins Paradies – werfen und äußere den Gedanken auch – und im nächsten Moment wache ich auf und merke, dass ich im Bett liege und alles geträumt habe. Es ist 5:45 Uhr morgens und ich stehe gleich auf, um diesen Traum aufzuschreiben…

Beim Tippen fällt mir ein: Ist nicht unser ganzes Erdenleben eine Vorbereitungszeit für die Ewigkeit? Habe ich auch hier schon im Ansatz Möglichkeiten, anders zu reagieren, als ich es vielleicht früher getan habe? Dazu zu lernen im Umgang mit den Mitmenschen? Gibt es hier eventuell doch mehr Möglichkeiten für mich, als ich bisher gedacht habe?

Was immer auch geschieht, über eines bin ich mir im Klaren: Wann immer ich mich – hier, in diesem Leben, in dieser Realität – an den Türhüter wende, ist er da, sofort und augenblicklich. Er hat alles im Auge, was geschieht. Er kennt meine Gedanken „von ferne“. Das ist tröstlich und gut zu wissen.

Ein gesegnetes Weihnachtsfest wünscht

Gerhard Brenner

Foto von Kerstin Brenner

Das könnte Dich auch noch interessieren:

Schlagworte: , , ,

1 Kommentar »

  • Leonie schreibt:

    Was für ein Traum!!!! Wahnsinnsgeschichte!! Immer wenn ich “Türhüter” höre, muss ich an “Türhüterlegende” im Buch “Der Proceß” denken.

Kommentar hinterlassen

Kommentar hier hinterlassen, Trackback auf deiner Seite einfügen oder Kommentare als RSS abonnieren.