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Persönlich – Das Leben ist kein Spiel

25 Juli 2009 Eingestellt von: Gerhard 80 klicks Keine Kommentare

Mit folgender Kurzgeschichte habe ich am Autorenwettbewerb 2000 des Weltbildverlags teilgenommen. Bei mehr als 8.200 Einsendungen war leider schon nach der Vorrunde Schluss.

Leben

„Das ist doch einfach nicht zu fassen!“ Mutter schüttelte den Kopf. „Ich kann es nicht glauben!“ Sie stand am Esszimmertisch und blickte zur Wand. Ihre mit groben Stichen selbst genähte Schürze passte nicht zum eleganten Abendkleid in blauem Samt. „Ich habe es dir doch erklärt…“ Vater räusperte sich und atmete tief durch. Er lehnte am offenen Kamin und suchte offenbar nach Worten. Seine nagelneuen Turnschuhe wurden von der schwarzen Festtagshose fast bedeckt. Der Oberkörper war noch unbekleidet. „Du willst also die Kinder und mich einfach zurück lassen? Das kannst Du doch nicht machen, Martin!“ Mutter drehte so abrupt den Kopf, dass ihre Ohrclips beinahe herunter fielen. Aber sie schaute nicht in sein Gesicht. Ihr Blick war starr. Sie musste völlig durcheinander sein. Vater kam ein paar Schritte auf sie zu. „Es ist nicht mehr zu ändern, Sabine. Gewöhn dich doch endlich an den Gedanken, dass ich das so will.“ Mutter wandte sich ab. Dann war leises Schluchzen zu vernehmen. Es wurde lauter und ging in richtiges Weinen über. Tränen liefen über das kleine Gesicht. Es waren nicht die Tränen einer Mutter, es waren die Tränen eines jungen Mädchens…

Charlotte saß im Wohnzimmer und las in einem Modemagazin. Sie griff zu dem eleganten Glas auf dem Couchtisch neben sich und nahm einen Schluck von dem edlen französischen Wein. Ihr Bruder hatte ihn noch extra für sie aus dem Keller geholt, bevor er mit seiner Frau zu einem Geburtstagsfest gefahren war. „Wirklich, ein guter Tropfen“, dachte sie. Eine Schale mit Gebäck stand auch bereit, doch diese rührte sie nicht an. Ihre Schwägerin Sabine hatte gut für sie gesorgt. Doch Charlotte legte viel Wert auf ihre sportliche Figur. „Du sollst dich hier wie zu Hause fühlen“, hatte Martin noch gemeint. Er war sehr froh darüber, dass sich Charlotte Zeit genommen hatte. Denn der Babysitter, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, hatte kurzfristig abgesagt, und so hatte Martin einfach bei ihr angerufen. Charlotte hatte sich gerade den Trainingsanzug übergestreift gehabt und war im Begriff gewesen, durch den nahen Wald zu joggen. Ohne zu zögern war sie dann statt in den Wald die paar Straßen bis zum Haus ihres Bruders gelaufen.

Soeben hatte sie in Sabines Magazin eine neue Seite mit den schönsten Herbst- und Winterkollektionen aufgeschlagen, da hörte sie die kleine Sarah schreien. Sie wartete darauf, dass sich das Kind wieder beruhigen würde. Leider war das nicht der Fall. Mit einem Seufzer legte Charlotte die Zeitschrift weg und stieg die Treppe zum Kinderzimmer hoch. Das beinahe zweijährige Mädchen hatte sich in seinem Bettchen frei gestrampelt. Als es das Gesicht der Tante über sich erscheinen sah, lachte es fröhlich auf und streckte ihr die kleinen Arme entgegen. „Otte, Otte…“

Charlotte wusste, dass sie damit gemeint war. Sie nahm das kleine Bündel aus seinem Bettchen und schmuste ein wenig mit ihm. Dann sagte sie: „So, Sarah, jetzt wird aber wieder geschlafen! Es ist höchste Zeit!“ Vorsichtig legte sie das Kind ins Gitterbett zurück und deckte es zu. Am Gitterrahmen hing eine kleine Sandmannfigur mit Spieluhr. Charlotte zog an der Schnur und summte einen Vers der Abendmelodie. Die Kleine brabbelte noch ein wenig, drehte sich dann aber zur Wand und schlief ein.

Charlotte blickte auf die Uhr. „Oh, für Anne ist es jetzt aber auch an der Zeit!“, dachte sie. Leise schloss sie die Tür und ging ein paar Schritte den Flur entlang. Nanu, drang da nicht ein Weinen aus dem anderen Kinderzimmer? Die Tür dort war nur angelehnt. Vorsichtig schob sie Charlotte weiter auf und blickte in den Raum. Links stand das Hochbett ihrer Nichte Anne mit der durch einen bunten Vorhang abgetrennten „Räuberhöhle“. Hinten, unter dem Fenster, befanden sich der nagelneue Schreibtisch und die Schultasche, Annes ganzer Stolz. Das Mädchen war sechs Jahre alt und sollte nach den Sommerferien in die Schule kommen. Sie konnte den Tag der Einschulung kaum erwarten, das wusste ihre Patin Charlotte nur zu gut.

Rechts vor dem Kleiderschrank stand ein vom Vater selbst gezimmertes Regal mit allerlei Kinderbüchern und Hörspielkassetten. Ringsum hingen große, bunte Bilder an den Wänden, die Anne im Kindergarten selbst gemalt hatte, dazu ein paar Poster aus diversen Tierzeitschriften. Die Lampe an der Decke war aus Holz und hatte die Form eines kleinen Propellerflugzeugs. Anne hatte sie sich so sehr gewünscht, nachdem ihr Charlotte von ihren Urlaubsreisen in ferne Länder erzählt und ihr dabei vom Fliegen vorgeschwärmt hatte. Und die Tante hatte auch versprochen, sie einmal auf eine Flugreise mit zu nehmen, wenn sie erst ein paar Jährchen älter wäre…

In der Mitte des Kinderzimmers stand auf einem kleinen Tisch das große Barbiehaus. Anne kniete davor und hielt eine Figur in jeder Hand. Jetzt, wo sie die Patin kommen sah, stellte sie die Frau an den Küchentisch und den Mann an den offenen Kamin. Mit feuchten Augen blickte sie die Tante an. „Anne, was ist denn los?“ Charlotte kniete sich neben dem Kind nieder und nahm es in die Arme. Das Schluchzen begann erneut. „Willst du mir nicht sagen, warum du weinst?“ Charlotte streichelte über die langen dunklen Haare ihrer Nichte, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren. Sie wiederholte ihre Frage, doch Anne schüttelte nur den Kopf. Lange Zeit war es still. Immer wieder schluchzte das Mädchen auf. Charlotte reichte ihm ein Taschentuch. Anne schnäuzte sich und wischte sich die Augen, sagte aber immer noch nichts. Endlich nickte ihr die Tante aufmunternd zu: „Es wird Zeit für dich! Ruf mich, wenn du soweit bist, okay?“

Es dauerte nicht lange, und Anne lag in ihrem Hochbett. Die langen Haare hingen ihr jetzt offen um die Schultern. In ihrem rosa Nachthemd mit den weißen Rüschen sah sie einfach süß aus, fand Tante Charlotte. Nur die großen, verweinten Kinderaugen passten einfach nicht in das idyllische Bild. Aufmunternd blickte die Tante das Mädchen an. Doch auch jetzt sagte Anne kein Wort darüber, was sie so traurig gestimmt hatte. „Nicht böse sein. Ich sag’s dir ein andermal…“ Anne sah die Tante bittend an. „Schon gut, mein Kind, schon gut.“ Charlotte merkte, dass es nicht sinnvoll war, weiter in das Mädchen zu dringen. Zu gegebener Zeit würde es sich schon offenbaren, da war sich die Tante sicher.

Nach einem kurzen Schmusen ging Charlotte zur Tür. „Gute Nacht, Liebes“, sagte sie sanft und griff nach dem Lichtschalter. Doch sie löschte das Licht noch nicht. Ihr Blick ruhte eine Weile auf dem Patenkind und schweifte dann durchs Zimmer. Am Barbiehaus und den beiden Puppen blieb er hängen. Mit ihnen hatte Anne zuletzt gespielt. Sollte etwa ein Zusammenhang zwischen den Puppen und ihrer Traurigkeit bestehen? Angestrengt dachte Charlotte nach. Der nur zur Hälfte bekleidete Mann und die Barbiefrau hatten feinste Gewänder an. Genau so, wie Annes Eltern heute Abend, die sich jetzt auf einem großen Fest befanden. Hatte das Mädchen etwa Vater und Mutter gespielt? Die Gedanken wirbelten nur so durch Charlottes Kopf. Komisch, eben jetzt fielen ihr die Worte ein, die ihr Vater früher oft zu ihr gesagt hatte: „Das Leben ist kein Spiel.“ „Anne hat ‚das Leben’ nachgespielt – ihr eigenes, persönliches Leben und Erleben!“, war sich Charlotte plötzlich sicher. Das konnte nur eines bedeuten: Die Eltern waren womöglich am Ende schuld an ihrem großen Kummer!

Wenn ich dem Kind doch nur helfen könnte!, dachte Charlotte und sah wieder zu dem Mädchen hinüber, das sich unter die Decke gekuschelt hatte. Behutsam schloss sie die Kinderzimmertür von innen und ging zum Barbiehaus. In einer Holzkiste, die auf dem Boden stand, lagen mehrere Puppen zum Spielen bereit. Mit einem raschen Blick auf Anne nahm Charlotte die Barbie, die ganz oben in der Kiste lag, und bewegte sie so, als würde sie auf das Spielhaus zugehen. Dass diese Figur in ihrem Schneeanzug und den großen Moonboots nicht zur Jahreszeit passte, störte sie nicht. Charlotte ahmte das Geräusch einer Klingel nach. „Moment, ich komme schon!“, ließ sie den Barbiemann am offenen Kamin mit tiefer Stimme sagen und bewegte ihn auf die Eingangstüre zu. Sie spielte die Begrüßung mit ihrem Bruder nach, wie sie sie am Abend wirklich erlebt hatte. Dann nahm ihre Geschichte aber einen anderen Verlauf. „Ich muss unbedingt mit dir reden, Martin!“, sagte die Tante und bewegte dabei die Puppe, mit der sie sich selbst spielte, wie aufgeregt hin und her. „Hat das nicht morgen noch Zeit? Wir haben’s eilig, weißt du…“ Charlotte konnte den Tonfall ihres Bruders recht gut imitieren. „Eben nicht, mein Lieber!“ Die beiden Puppen standen sich nun mitten im Wohnzimmer des Barbiehauses gegenüber. „Weißt du, dass deine große Tochter Kummer hat?“ „Wie bitte? – Anne und Kummer? Sag mal, Schwesterherz, träumst du vielleicht?“

Bei ihrem Puppenspiel hatte Charlotte immer wieder heimlich zu Annes Bett hinüber geschaut. Dabei hatte sie wohl bemerkt, dass die Nichte das Geschehen von Anfang an aufmerksam verfolgte. Das Mädchen hatte sich inzwischen aufgerichtet und kam nun langsam die Leiter des Hochbetts herunter gestiegen. „Ich weiß, wovon ich rede!“ Die Puppe im Schneeanzug blieb vor der, die den Bruder darstellte, stehen. „Und ich lasse dich nicht hier raus, bis du mir gesagt hast, warum mein Patenkind so traurig ist…“ „Ach, Charlotte, du musst dich wirklich täuschen! Das Kind lacht und singt den ganzen Tag! Keine Spur von Traurigkeit. Dafür gibt’s doch auch überhaupt keinen Grund…“

„Das ist nicht wahr, Papa!“, ertönte plötzlich eine Kinderstimme. Anne war heran gekommen und hatte die Figur von Skipper mit den selbst geflochtenen Zöpfen aus der Holzkiste genommen. Schritt für Schritt bewegte sie das Puppenmädchen in ihrem Sommerkleidchen auf den „Vater“ zu. Dann ließ sie die Puppe sagen: „Ich finde das ganz gemein von dir, Papa! – Wirklich gemein!“

Angestrengt überlegte Charlotte, was sie jetzt tun oder sagen sollte. Anne hatte sich auf ihr Spiel eingelassen. Aber das war kein Spiel wie viele andere. Hier ging es um das wirkliche Leben des Kindes und seiner Familie. Und immer noch hatte sie keine Idee, wie sie sich weiterhin verhalten sollte. Um Zeit zu gewinnen, drehte sie die Puppen so, dass sie in Richtung von Skipper blickten. Da nahm ihr Anne die Entscheidung ab. Ganz nahe stellte sie die Mädchenpuppe vor den Barbiemann und ließ sie sagen: „Du kannst uns doch nicht einfach allein lassen, Papi! – Weißt du, Mami, Sarah und ich haben dich so lieb. Und wir brauchen dich doch…“

Wieder schossen Anne Tränen in die Augen. Rasch legte Charlotte Ken und Barbie aus der Hand und schloss die Nichte in die Arme. Es dauerte noch eine Weile, doch dann berichtete das Kind. Es hatte in der vergangenen Nacht nicht gut geschlafen und war ins Badezimmer gegangen. Dann hatte es unten Stimmen gehört. Mutter und Vater hatten sich sehr laut miteinander unterhalten. Alles, was Anne wörtlich in Erinnerung geblieben war, wiederholte sie jetzt leise und stockend: „Das ist doch einfach nicht zu fassen!“, hatte die Mutter gesagt. Und: „Du willst also die Kinder und mich einfach zurück lassen?“ Darauf hatte der Vater laut und deutlich geantwortet: „Es ist nicht mehr zu ändern, Sabine. Gewöhn dich doch endlich an den Gedanken, dass ich das so will.“

Eine Weile sagte Charlotte nichts. Sie drückte Anne nur an sich und strich ihr immer wieder liebevoll über den Kopf. Endlich meinte sie. „Ich kann mir das gar nicht vorstellen, Anne! Ich kenne doch meinen Bruder seit seiner Geburt. Das hätte ich ihm nun wirklich nicht zugetraut.“ Sie dachte an die Kinderzeit zurück. Martin war fünf Jahre jünger als sie und immer sehr anhänglich gewesen. Schon früh war sie mit der Aufgabe betraut worden, den Bruder zu hüten oder im Kinderwagen auszufahren. Was hatten sie im Laufe der Jahre nicht alles zusammen angestellt! Schwimmen und Rad fahren hatte sie ihm beigebracht und später bei den Hausaufgaben geholfen. Wann immer er eine Frage gehabt hatte, war sie zur Stelle gewesen. Ihr hatte er auch Sabine zuerst vorgestellt. Nicht umsonst war sie Trauzeugin geworden. – Und jetzt?

Die Tante schaute Anne ins Gesicht und entschied: „Sobald dein Vater heimkommt, werde ich mit ihm reden!“ Das Mädchen schien nicht besonders begeistert von diesem Vorhaben zu sein. „Muss das unbedingt sein?“ „Ich will dir doch nur helfen, Kind!“ „Aber sag Papa bitte nichts davon, dass ich schon alles gehört habe, ja?“, bat Anne. „Das wird nicht gehen. Denn ohne dich wüsste ich doch von nichts…“ Charlotte sah die Sorge in den Zügen des Mädchens. „Hab keine Angst, er wird deshalb nicht mit dir schimpfen, das verspreche ich dir!“ Die Tante blieb noch eine Weile im Kinderzimmer, dann deckte sie das Kind gut zu und stieg die Treppe hinab.

Im Wohnzimmer schaute sich Charlotte die vielen Fotos an, die an der Wand über dem Kachelofen hingen. Das größte von ihnen war das Hochzeitsbild. Es zeigte einen strahlenden Bräutigam, der seine Braut buchstäblich auf Händen trug. Charlotte konnte sich an jedes Wort der Trauzeremonie erinnern. Als Trauzeugin war sie ja auch besonders nahe am Geschehen gewesen. Ewige Treue hatte ihr Bruder seiner Frau geschworen. Ewig? Jetzt, nach etwas mehr als sieben Jahren – sollte es da mit der Treue schon zu Ende sein?

Ein anderes Foto zeigte die Eltern mit den beiden Kindern. Die Mutter hielt das jüngere von ihnen im Arm. Das ältere hatte sich zwischen Vater und Mutter gestellt. Alle strahlten um die Wette. Mit einer Hand deckte Charlotte die Gestalt des Bruders ab. Was jetzt noch zu sehen war, stimmte sie traurig. „Sabine allein mit den Mädchen“, dachte sie. Das durfte doch einfach nicht wahr sein! War es denn möglich, dass Martin wirklich aus dem Leben seiner Lieben verschwinden wollte? Irgendwie konnte sie sich das nicht vorstellen. Aber sie musste unbedingt Gewissheit haben, sobald die beiden zurück kamen!

Das Telefon läutete. Charlotte eilte zum Couchtisch, wo sie den Hörer deponiert hatte, um rascher an ihn zu gelangen. Sie wollte nicht, dass die Kinder durch das laute Klingeln der Zentralstation im Flur gestört würden. „Hier bei Familie Schäfer“, meldete sie sich. „Da sieht man es mal wieder…“, hörte sie eine Männerstimme in gespielt vorwurfsvollem Ton sagen. „Kommt der arme und geplagte Ehemann nach schwerer Arbeit heim und freut sich auf ein gutes Essen, ist die treulose Gattin mal wieder über alle Berge ausgeflogen…“ Ein herzenstiefer Seufzer folgte. „Es handelt sich um einen Notfall, Volker, wie immer!“, lachte Charlotte in den Hörer. „Hier ist der Notfall, hier bei mir!“, kam es prompt zurück. „Willst du mich denn wirklich verhungern lassen?“ „Du hast garantiert noch nicht in den Kühlschrank geschaut! – Nein? Dachte ich es mir doch! Du wirst dort schon etwas finden, was dir schmeckt!“ Ein Brummen war zunächst die Antwort, doch dann klang die Stimme am anderen Ende plötzlich ernsthaft: „Wann sehe ich dich denn endlich mal wieder?“ „Hm, das kann noch eine Weile dauern, tut mir leid. Sabine und Martin sind beim Geburtstag einer Jugendfreundin. So bald werden die nicht mehr hier auftauchen, denke ich…“

Die beiden wechselten noch ein paar Worte. Charlotte wollte schon auflegen, da sagte sie noch: „Sag mal, Volker, könntest du dir vorstellen, dass mein Bruder seine Familie verlässt?“ „Martin? – Wie in aller Welt kommst du denn auf diese Idee?“ „Ach, nur so – dir ist also nichts aufgefallen?“ „Nicht dass ich wüsste.“ Doch dann schien Charlottes Ehemann nachzudenken, denn es blieb eine Weile still. Endlich räusperte er sich und meinte: „Moment mal, wenn ich ehrlich sein soll: Bis vor kurzem hätte ich an so etwas auch nicht gedacht. Aber jetzt, wo du danach fragst, kommt es mir doch komisch vor.“ Er machte eine Pause. Ungeduldig wollte sie nachhaken, da fuhr er auch schon fort: „Letzte Woche war das, glaube ich, da hat Martin mich gefragt, ob ich nicht eine kleine Wohnung hier in der Gegend wüsste, die man mieten kann! – Was weißt du von der Sache? Ist es ernst? Geht er wirklich? Was hast du davon schon mitgekriegt?“ „Das erkläre ich dir später. Ich bin noch nicht sicher, weißt du. Aber ich werde es herauskriegen, sobald Martin heim kommt, verlass dich drauf!“ Volker wollte unbedingt noch mehr wissen, wurde aber von seiner Frau vertröstet. Nach ein paar weiteren Worten hin und her war das Gespräch beendet.

Charlotte sann noch eine Weile über das Gehörte nach. Was Volker ihr erzählt hatte, war nicht eben dazu geeignet, ihren Verdacht zu entkräften. „Hoffentlich habe ich im Eifer des Gefechts nicht zu laut gesprochen“, dachte sie dann. Rasch erhob sie sich und ging in den Flur. Sie lauschte nach oben, doch es war weit und breit nichts von den Mädchen zu hören und zu sehen. Beruhigt ließ sich die Tante wieder auf das Sofa nieder.

Es war kurz vor Mitternacht. Charlotte hörte ein Auto vorfahren und legte die Zeitschrift aus der Hand. Sie empfing den Bruder an der Eingangstüre. „Alles okay?“, fragte dieser und warf die Sommerjacke über den Garderobenständer. „Wo hast du deine Frau gelassen?“ Charlotte ging nicht auf seine Frage ein. „Die bleibt noch eine Weile und wird dann von einer Freundin heim gefahren. – Schlafen die Kinder, ja?“ „Sie schlafen…“ Jetzt fiel Martin auf, dass die Schwester anders reagierte als sonst. Er ging ins Wohnzimmer, warf sich auf das Sofa und meinte: „Stimmt irgend etwas nicht? Den Kindern geht’s doch gut, oder?“ „Interessiert dich das wirklich, ob’s deinen Kindern gut geht oder nicht?“ „Sag mal, was soll denn das jetzt heißen?“ Martin war überrascht und auch erbost. „Frag doch Anne, wenn sie wieder wach ist! Ich kann dir jetzt schon sagen, was du dann zu hören kriegst: ‚Papi ist der beste Vater der Welt!’“ „Bist du dir da so sicher?“ Martin war eben dabei gewesen, sich etwas Wein einzuschenken. Er hielt inne und schaute Charlotte durchdringend an. „Natürlich bin ich mir sicher, was denkst du denn?“ Charlotte setzte sich in den Schaukelstuhl und wartete ein wenig. Dann sagte sie bedächtig: „Anne hat heute Abend sehr geweint!“ Der Bruder nahm erst einmal einen großen Schluck aus dem Glas. Dann schaute er auf. „Weiß sie es denn schon? – Woher nur…?“ Jetzt konnte Charlotte nicht mehr an sich halten. „Also, das hätte ich nun wirklich nicht von dir gedacht! Du Rabenvater! Das kannst du doch nicht machen, also ehrlich! – Was hast du dir überhaupt dabei gedacht, hm?“

Martin nahm einen weiteren Schluck, stellte dann das Glas ab und blickte die Schwester an. „Du machst vielleicht ein Theater! So kenne ich dich überhaupt nicht!“ Er fuhr mit den Händen in der Luft herum. „Glaub ja nicht, dass du daran noch etwas ändern kannst! Es ist schon lange beschlossene Sache. – Und übrigens, was geht dich das Ganze überhaupt an?“ „Jetzt mach aber mal nen Punkt!“ Charlotte redete sich in Fahrt. „Ich bin immerhin Annes Patin und Sarahs Tante, also geht es mich wohl was an, wie du mit deinen Kindern und ihrer Mutter umspringst!“ „Na na na! Wie du mit deinen Kindern und ihrer Mutter umspringst”, äffte Martin Charlotte nach. „Ich denke, jetzt gehst du entschieden zu weit! Sabine weiß schon lange von der Sache und ist einverstanden. Den Kindern wollte ich es morgen sagen. Das hätte wirklich noch gereicht.“ „Das glaubst du doch wohl selber nicht, Martin! Sabine soll einverstanden sein? Welche Frau ist schon damit einverstanden, wenn sie ihr Mann mitsamt den Kindern einfach sitzen lässt?“   Das Gesicht des Bruders war plötzlich nur noch ein großes Fragezeichen. „…einfach sitzen lässt“, wiederholte er dann, als müsste er sich erst darüber klar werden, dass er diese Worte wirklich aus dem Mund der Schwester vernommen hatte. Es dauerte eine ganze Weile, doch dann fing er an zu lachen. „Das ist gut!“, prustete er geradezu. „Das ist wirklich gut…“

Jetzt verstand Charlotte gar nichts mehr. Sie holte schon Luft, doch er kam ihrer Frage zuvor: „Da hast du offenbar etwas nicht ganz richtig mitgekriegt, Schwesterlein!“, schmunzelte er und schaute sie triumphierend an. „Ich lasse doch meine Lieben nicht sitzen – wer sagt denn so was?“ „Aber Anne hat doch genau gehört, wie du gesagt hast…“ „Ach, Anne? – Was hat sie denn gehört, bitteschön?“ Charlotte wiederholte die Worte. Martin schüttelte den Kopf. „Sie hat nur die Hälfte von dem verstanden, was wir gesprochen haben. – Also ehrlich: Ich lasse niemanden ‚sitzen’, wenn du das meinst! Ich gehe in den Ferien mit ein paar Freunden für eine Woche zu einer Bergtour in die Alpen – allerdings ohne meine Familie!“

Charlotte atmete tief durch. Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Doch die Sache mit der Wohnung hatte sie noch nicht angesprochen. Sollte sie es jetzt wagen? Dem Bruder fiel ihr Zögern auf. „Bist du noch nicht zufrieden?“ Martin griff wieder zum Glas. „Oder gibt es sonst noch irgendwelche Probleme?“ „Na, wenn du mich so direkt danach fragst: Warum willst du denn hier in der Gegend eine Wohnung mieten, wenn du die Deinen nicht verlassen willst?“ Martin überlegte kurz, dann sagte er: „Ach, das meinst du! – Wir kriegen einen neuen Mitarbeiter im Geschäft, der sich hier niederlassen will. Also hat uns der Chef gebeten, die Augen offen zu halten. – Zufrieden?“ „Kann man wohl sagen, ich bin sehr erleichtert!“ Charlotte trank ihr Glas leer und erhob sich. „Jetzt muss ich aber los. Volker wartet schon.“

Draußen erklang Motorengeräusch, dann hielt ein Auto vor dem Haus. Nach kurzer Zeit wurde eine Türe zugeschlagen. „Ist Sabine denn schon zurück?“, wunderte sich Martin. „Die paar Minuten haben sich aber wirklich nicht gelohnt!“ Es klingelte an der Eingangstüre. „Nanu, sie hat doch den Schlüssel mit! Wer kann das jetzt noch sein?“

Charlotte schlüpfte in ihre Joggingschuhe und folgte dem Bruder in den Flur. Dieser hatte eben die Tür geöffnet – und niemand anders als Volker stand vor ihnen! „Hast du deine Frau vermisst?“, lachte Martin ihm entgegen. „Wie man’s nimmt“, verzog Volker das Gesicht. „Ich kann sie doch nicht mitten in der Nacht so mutterseelenallein nach Hause joggen lassen!“ Dann gab er aber zu: „Mir war einfach stinklangweilig, verstehst du?“ „Ich habe noch einen Schluck Burgunder…“, lud Martin den Schwager ein. Der ließ sich nicht zweimal bitten. Charlotte wollte protestieren, folgte den Männern dann aber zurück ins Wohnzimmer.

Kurz darauf schwenkte der neu Angekommene das gut gefüllte Weinglas in der Hand und meinte dann beiläufig: „Darf ich wissen, wie die Aktien stehen?“ Martin verstand erst nicht. Seine Schwester versuchte, mit ein paar Gebärden ihren Mann vom Thema abzubringen, aber da hatte ihr Bruder schon gemerkt, um was es ging. „Ach, so ist das…“, sagte er gedehnt. „Der Herr Schwager kommt um Mitternacht, um nachzusehen, ob ich auch treu zu Frau und Kindern halte oder nicht… – schöne Verwandtschaft, muss ich sagen!“ Vorwurfsvoll schüttelte Charlotte den Kopf. „Also Volker! Das hätte doch zu Hause noch gereicht!“ Ihr war das Ganze sichtlich peinlich. Aber Martin kümmerte sich nicht darum. In kurzen Worten erzählte er davon, was sich zugetragen hatte. Dann fragte er unvermittelt: „Nun, hast du die Wanderstiefel schon gekauft?“ Jetzt wurde Charlotte hellhörig. „Wanderstiefel?“, dehnte sie. „Habe ich recht gehört? Volker und Wanderstiefel? – Was in aller Welt willst du denn damit anstellen?“ Martin konnte sich das Lachen nicht mehr verkneifen. „Na, was wohl, Schwesterherz?“, prustete er. „Wandern natürlich! Und zwar bei unserer Bergtour – du erinnerst dich?“ Mit großen Augen sah Charlotte ihren Gatten an. Dieser druckste erst ein wenig herum, dann meinte er: „Hatte ich dir denn noch nicht gesagt, dass ich mit Martin und seinen Freunden eine Woche zum Bergwandern gehe? – Das wird eine Sache nur unter Männern – sozusagen…“ Charlotte überlegte, ob sie schimpfen oder lachen sollte. Dann siegte der Humor. „Ich bin mir nicht so sicher, ob ich dich mit zu diesem Ausflug gehen lasse! Darüber müssen wir uns erst einmal ausführlich unterhalten – wenn wir erst zu Hause sind!“

Nach einem spaßigen Hin und Her begleitete Martin seine Gäste bis zur Türe. Bei Charlotte bedankte er sich fürs Babysitten und verabschiedete sich dann von den beiden. Er wartete, bis das Auto weggefahren war und kehrte dann in Gedanken versunken ins Wohnzimmer zurück. Dort räumte er das Gebäck weg und nahm die Gläser mit in die Küche. Plötzlich bemerkte er einen Schatten auf der Treppe. „Anne, Kind, warum schläfst du denn nicht?“ Das Mädchen stand gähnend auf dem oberen Treppenabsatz und hielt den Teddy in einer Hand. Martin eilte die Stufen hoch und nahm das Kind auf den Arm. „Ich kann nicht schlafen, Papa.“ Anne lehnte sich an den Vater und schloss die Augen. Martin trug seine Tochter ins Kinderzimmer und legte sie ins Bett. Als er sie zudeckte, sah er große Augen fragend auf sich gerichtet. „Keine Sorge, mein Schatz!“, sagte er und küsste sie lächelnd auf die Stirn. „Ich gehe nicht weg. Das hast du nicht richtig verstanden. Ich fahre nur mit Onkel Volker und meinen Freunden für ein paar Tage in die Berge.“   Anne blinzelte zunächst. Dann hatte sie offenbar begriffen. „Wirklich? – Prima, Papi! Juhu!” Sie fuhr aus dem Bett hoch. Stürmisch umarmte sie den Vater. Sie lachte und küsste ihn. Dann wurde ihr Gesicht aber wieder ernst. „Gehst du dann dieses Jahr nicht mit uns in Urlaub?“ „Doch, doch, wir fahren hinterher zwei Wochen weg. Und du darfst aussuchen, wohin es gehen soll, okay?“ „Mit dem Flugzeug! Ich will mit dem Flugzeug fliegen!“, kam es prompt aus Annes Mund. „Gut, wenn du meinst…“ „Du bist der beste Papi der Welt!“, rief Anne und umschlang den Vater schon wieder. Siehst du, Charlotte, dachte Martin und schmunzelte, das hättest du jetzt hören sollen!

Kurz darauf schloss der Vater die Türe hinter sich und machte sich auf den Weg ins Schlafzimmer. Als er an Sarahs Zimmer vorbei kam, begann das Kind zu schreien. „Auch das noch!“, dachte Martin und öffnete die Tür. „Mir bleibt heute aber auch nichts erspart!“ Sarah war nass. Sabine war noch nicht zurückgekehrt. Schweren Herzens nahm der Vater das Kind aus dem Bett, um es zu wickeln. Dann schlurfte er müde in den benachbarten Raum.

Er hatte sich gerade umgezogen und stand im Badezimmer vor dem Spiegel, als seine Frau nach Hause kam. „Nanu, du schläfst noch nicht?“, wunderte sie sich. „Ich dachte, du müsstest morgen so früh raus! Da hättest du auch länger bei der Party bleiben können!“ „Hallo Liebling.“ Martin trocknete sich das Gesicht ab. „Es war ganz gut, dass ich früher heim gekommen bin. Es gab da noch Verschiedenes zu regeln.“ „Mit Charlotte?“ „Mit ihr und mit Anne.“ „So so! Habt ihr denn Geheimnisse?“ „Ach Quatsch, Geheimnisse gibt es nicht!“ Er erzählte von den Vorfällen und Missverständnissen des Abends. Aufmerksam hörte Sabine zu. Als er bei der Episode von Volker und seiner Teilnahme an der Bergtour angelangt war, schüttelte Sabine nur den Kopf. „Männer!“, sagte sie leise. „Ihr seid doch alle gleich!“ Martin hörte nicht darauf. „Und Sarah habe ich am Ende auch noch frisch gemacht!“, schloss er den Bericht nicht ohne Stolz. Da schlang Sabine rasch die Arme um ihn. „Wenn ich dich nicht hätte!“, schmunzelte sie und der Schalk blitzte aus ihren Augen.

Etwas später schauten die Eltern noch mal kurz in die Kinderzimmer. Sarah schlief tief und fest. Von Anne schauten nur ein paar Haare unter der Decke hervor. Ihr Atem ging regelmäßig. Beruhigt zogen sich die beiden von ihrem Bett zurück. Plötzlich tippte Sabine Martins Schulter an. Schmunzelnd zeigte sie auf das Barbiehaus. Sein Blick folgte ihrer Hand. Er lächelte. Da lagen Ken und Barbie – eng umschlungen – auf dem rosa Boden vor dem offenen Kamin…

Gerhard Brenner

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